Westenschnitte


In Paris wechselten innerhalb acht Monaten der Westenschnitte fünfmal. Einmal trug man über einer schwarzen Samtweste ein Gilet, eine ärmellose, westenähnljche Jacke von weißem Pikee, ein anderes Mal eine kostbare Kaschmirweste. In Wien gab es einen bekannten Herrenschneider namens Gunkl, der ein großes Haus am Graben hielt. Helmuth von Moltke besuchte ihn: "Ich verfügte mich zu ihm behufs consultation en fait de toilette. Nachdem er einen prüfenden Blick auf meinen Anzug geworfen, wünschte Herr von Gunkl zu wissen, bei wem ich arbeiten ließ. Ich nannte Kley in Berlin. Nicht übel, sagte der Künstler, aber ganz verfehlt. Er wünschte mich dunkelgrün zu sehen, benachrichtigte mich, daß eine weiße Weste tragen eine Art Wahnsinn sei und daß es nur eine alleinseligmachende schwarze Krawatte gäbe. Um 1840 wählte man das Tuch zum Frack aus dunklen Stoffen, nur die Weste blieb bunt. Auffällig war der Hemdkragen, der mit spitzen, gestärkten Ecken nach oben gerichtet stand. Man nannte ihn Vatermörder, weil angeblich ein junger Elegant mit diesen Kragenecken seinen Vater erstochen haben sollte.


 
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