Wespentaille, Damenkleider


Die hochgegürteten Damenkleider erhielt um und nach 1820 einen veränderten Schnitt. Die Taille sank zur naturbedingten Höhe herab, und es war nur folgerichtig, daß die engen Röcke fülliger und allmählich länger wurden. Der absatzlose Schuh der Empire-Zeit wurde noch lange beibehalten, die Dame konnte in den weiteren Rocken wieder ausschreiten.

Die Kleiderröcke garnierte man zwar überaus phantasievoll mit Bändern, mit denen die Biedermeiermode einen wahren Kult trieb, mit Schleifen, Volants, Spitzen oder Quasten, doch blieben sie über zwei Jahrzehnte fast unverändert. Um die Schlankheit zu betonen, schnürten Frauen und Mädchen die Taille mit Hilfe eines Spezialkorsetts, das von England nach Frankreich kam und von dort aus seinen Siegeszug durch Europa antrat. Lacroix hieß der Pariser Meister dieser geheimen Kunst, der die Dame von Welt ihre Idealfigur verdankte. Im gleichen Verhältnis wie die Röcke an Volumen zunahmen und der Taillenschluß sich wie eine "wespentaille" verengte, versuchte die Mode durch Betonung der Ärmel und Verbreiterung der Schultern mittels des Kragens zu einem dem Röhrenkleid von 1815 diametral-entgegengesetzten Stil zu gelangen. Die Ärmel wuchsen zu riesigen Gebilden, die im Volksmund „Schinkenärmel", „Hammelkeulen" oder - im Augenblick ihres größten Umfanges um 1835 - "Elefanten" hießen. Sie mußten durch ein kompliziertes System von Fischbeinstäbchen in der richtigen Fasson gehalten werden. Um 1840 kamen die englischen Ärmel auf, die wieder eng sind, aber mehrere Puffen am Oberarm und am Ellenbogen besitzen und am Unterarm mehr oder weniger offen, manchmal mit Spitzenbesatz oder gekraust, herabhängen. Nun nahm auch der Rock abermals an Umfang zu; er öffnet sich und laßt ein andersfarbiges Unterkleid sehen. Der gerade Taillenschluß geht in eine spitze Schnebbe über und das Kleid des zweiten französischen Kaiserreichs, die Robe des „zweiten Rokoko", ist da.

 


 
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